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Bender-Gestalt-Test

 PSYNDEX Tests-Dokument: 9001336
 

BGT - Bender-Gestalt-Test (PSYNDEX Tests Review)

 

Bender Visual Motor Gestalt Test (BVMGT; Bender, L., 1938) - German version/author
Synonym(e): Bender Gestalt Test; Visual Motor Gestalt Test

 Bender, L.
 (1938). A visual motor Gestalt test and its clinical use (Research Monographs No. 3). New York: American Orthopsychiatric Association.

Bibliotheksstandort: Testsammlung Psychologie Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek: PT 121 (Koppitz, 1980)

 Bezugsquelle: M.D. Angus & Associates Ltd., 12420 Gray Street, Maple Ridge, BC V2X 0W3, Canada; E-Mail: mdangus@psychtest.com; URL: https://www.psychtest.com/; Stand: 27.10.2015

 

Abstract

Diagnostische Zielsetzung:
Der Bender-Gestalt-Test (BGT) ist ein Verfahren zur Erfassung der visuell-motorischen Gestaltfunktion im Rahmen der normalen Reifungsprozesse und der hirnorganisch oder psychogen bedingten Retardierungsprozesse bei Kindern und Erwachsenen. Die Ergebnisse werden zur Beantwortung von Fragestellungen in den Bereichen Entwicklungs- und Intelligenzdiagnostik, zur Diagnostik schulischer Fähigkeiten und von klinischen Fragestellungen verwendet. Der BGT wurde auch als projektiver Test zur Erfassung emotionaler Störungen (psychotische Zustände, Neurosen) angewandt.


Aufbau:
Das Verfahren besteht aus neun einfachen geometrischen Figuren, die jeweils auf eine Karte gedruckt wurden. Der Proband soll die Figuren gemäß einer festen Reihenfolge freihändig auf ein weißes, unliniertes Papier kopieren. Die benötigte Zeitdauer soll notiert werden. Es existieren verschiedene Auswertungssysteme: (1) Beurteilung der Form der reproduzierten Figur und der gesamten klinischen Situation ganzheitlich-subjektiv, (2) Vermerkung vordefinierter Fehler auf einem Auswertungsblatt und Auswertung jener Fehler, (3) Bewertung der Zeichnungen qualitativ als "Vorgestalten" bei psychogenem Funktionswandel und als "zerfallene Gestalten" bei hirnorganischen Funktionsschäden, (4) Addition vorhandener Merkmale zu einem Testscore, (5) Zusammenfassung von Merkmalen zu Syndromen für bestimmte emotionale Störungen und (6) Bewertung der Zeichnungen nach 63 Bewertungskategorien, wobei die Items jeweils auf einer vierstufigen Skala eingestuft und die Itemscores später addiert werden.


Grundlagen und Konstruktion:
Zur Konstruktion der ursprünglichen Fassung von Bender liegen zu diesem Punkt keine Angaben vor. Pascal und Suttel (1951) wählten bei der Entwicklung ihres quantitativen Auswertungssystems aus einer Liste von 200 Fehlern aufgrund einer Itemanalyse 105 aus, berechneten die Phi-Koeffizienten und gewichteten die Items nach Guilford. Daraufhin wurde eine endgültige Itemanalyse durchgeführt. Koppitz (1980) wählte für ihr Auswertungssystem die Merkmale, die nach dem Chi-Quadrat-Test signifikant zwischen über- und unterdurchschnittlichen Schülern des 1. und 2. Schuljahres unterschieden. Reincke (1980) führte an einer Stichprobe von hirngeschädigten, nicht-hirngeschädigten, fraglich hirngeschädigten und fraglich hirngesunden Probanden zur Dimensionierung seines Auswertungssystems eine Faktorenanalyse nach der Hauptkomponentenmethode mit Varimax-Rotation durch.


Empirische Prüfung und Gütekriterien:
Reliabilität: Die Reliabilitäten für die quantitativen Auswertungssysteme bewegen sich zwischen r = .50 und r = .90. Die niedrigeren Koeffizienten werden auf intervenierende Ereignisse zurückgeführt, ein Übungseffekt wird nicht angenommen.
Validität: In Untersuchungen älteren Datums lassen sich zahlreiche Belege finden, die für eine klinisch-differentielle Validität des Tests sprechen. Bei Kombination des BGT (mit Reinckes Auswertungssystems) mit anderen visuo-motorischen Tests und multivariater Auswertung lagen die Trefferquoten der "sicheren" medizinischen Diagnosen bei 80% und der "fraglichen" Diagnosen bei 90% und bestätigten damit die inkrementelle Validität des Verfahrens. Andere Untersuchungen sprechen für eine mangelnde differentielle Validität des Verfahrens.
Normen: Es gibt mehrere Ansätze zur Normierung des BGT. Die Originalfassung von Bender enthält Illustrationen repräsentativer Repräsentationen normalentwickelter Kinder mit Angabe von Prozentsätzen jener Kinder, die diese oder eine bessere Antwort ausführen können. Die derzeit umfangreichste und gültigste Eichung für deutschsprachige Kinder liegt in Form des Göttinger Formreproduktions-Tests (GFT) vor. Die Eichstichprobe umfasste 1 355 Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren, die Zielsetzung ist klinisch-differentialdiagnostisch.

 

Testkonzept

 

Theoretischer Hintergrund

Der Bender-Gestalt-Test erfasst die visuell-motorische Gestaltfunktion im Rahmen der normalen Reifungsprozesse und der hirnorganisch oder psychogen bedingten Retardierungsprozesse bei Kindern und Erwachsenen. Er basiert auf gestaltpsychologischen Überlegungen, die die Ganzheitlichkeit der visuellen Reizkonstellation, des integrierenden Organismus und des visuell-motorischen Musters in den Vordergrund stellen. Die Autorin schließt die Analyse einzelner Komponenten der ganzheitlichen Funktion aus. Dieser theoretische Hintergrund stützt sich auf unsystematische klinische Erfahrungen und kann nicht als tragfähig im empirisch-analytischen Sinn verstanden werden.
Der BGT gilt als sprach- und kulturfreies Verfahren. Deutsche Bearbeitungen liegen vor von Koppitz (1980), Reincke (1980), Wewetzer (1956) und in Gestalt des Göttinger Formreproduktions-Tests (GFT) von Schlange, Stein und Bötticher (1972).
 

Testaufbau

Der BGT besteht aus neun einfachen geometrischen Figuren, die von Wertheimers (1923) ursprünglichen Mustern zur Erforschung der visuellen Gestaltpsychologie ausgewählt wurden. Jedes Muster ist auf einer Karte im Format 15 x 10 cm gedruckt. Die Karten werden dem Probanden einzeln, in fester Reihenfolge (Figur A, 1, 2,..., 8) zum freihändigen Kopieren auf weißes, unliniertes Papier im Format DIN A4 vorgelegt. Eine Zeitbegrenzung ist nicht vorgesehen, jedoch soll die Zeitdauer notiert werden.
 

Auswertungsmodus

Für den BGT wurden verschiedene Auswertungssysteme entwickelt.
- Bender (1938) nimmt keine quantitative Auswertung vor, sondern beurteilt die Form der reproduzierten Figuren, ihre Beziehungen untereinander, die räumliche Orientierung zum Hintergrund, die zeitliche Musterfolge und die gesamte klinische Situation ganzheitlich-subjektiv.
- Pascal und Suttel (1951) definierten für jede Figur (Design) 10 bis 13 bewertbare Fehler (Items) und illustrierten sie an beispielhaften Zeichnungen. Die Fehler werden auf einem Auswertungsblatt nach Art einer Checkliste für jede Figur vermerkt und gewichtet, zu einem Gesamt-Rohwert addiert und anhand von zwei Tabellen (Besuch von High School bzw. College) in Z-Werte mit einem Mittelwert von 50 und einer Standardabweichung von 10 transformiert.
- Die Auswertungsmethode von Wewetzer (1956), die in einer Untersuchung mit deutschsprachigen Kindern entwickelt wurde, ist mit der Methode von Pascal und Suttel (1951) hinsichtlich der relativen Höhe der BGT-Werte gut vergleichbar und korreliert mit r = .78 signifikant.
- Kottenhoff (1955) bewertet die BGT-Zeichnungen qualitativ als "Vorgestalten" bei psychogenem Funktionswandel und als "zerfallene Gestalten" bei hirnorganischen Funktionsschäden.
- Das Auswertungssystem von Koppitz (1980) beinhaltet zwei Komponenten.
(1) Auswertungssystem als Entwicklungstest: Eine Liste von 30 Merkmalen wird systematisch durchgesehen. Vorhandene Merkmale werden mit 1 bewertet und zum Bender-Gestalt-Testscore addiert.
(2) Emotionale Indikatoren: 13 Merkmale, die auf emotionale Probleme schließen lassen sollen, stellen qualitative Urteile über die Affektivität des Probanden dar. Sie werden nicht quantitativ zu einem Testscore addiert, sondern zu Syndromen für bestimmte emotionale Störungen zusammengefasst.
- Reincke (1980) konstruierte ein neues, ausführlich gestaltetes BGT-Auswertungssystem, das 63 Bewertungskategorien (Items) enthält. Jedes Item wird auf einer vierstufigen Skala eingestuft und die Itemscores werden zu fünf Subskalen, die eine faktorenanalytische Dimensionierung ergab, addiert.

Die Auswertungssysteme sollen, soweit sie bei homogenen Probandengruppen angewandt werden (Kinder, Jugendliche, Erwachsene; Patienten mit hirnorganischen, psychiatrischen und neurotischen Störungen) gut vergleichbar sein. Dies wurde jedoch nur in wenigen empirischen Studien überprüft.
 

Auswertungshilfen

Je nach Auswertungssystem gibt es unterschiedliche Auswertungsblätter in Form von Checklisten. Weiterhin werden ein transparentes Lineal, ein Winkelmesser und eventuell ein Vergrößerungsglas benötigt. Schablonen wurden für den BGT nicht entwickelt.
 

Auswertungszeit

Nach Einarbeitung in die Auswertungssysteme soll die Auswertung pro Fall 3-10 Minuten betragen.
 

Itembeispiele

Der Test besteht daraus, geometrische Figuren von einer Karte abzuzeichnen.
 

Durchführung

 

Testformen

Der BGT wird im Allgemeinen als Einzeltest durchgeführt. Koppitz (1980) beschreibt Methoden, die die Durchführung als Gruppentest ermöglichen und berichtet Korrelationen zwischen den BGT-Skores im Einzel- und Gruppentest von r = .75 bis r = .87. Normwerte für die Gruppenform liegen nicht vor. Parallel-, Kurzformen und behinderungsspezifische Testformen existieren nicht.
 

Altersbereiche

Das Verfahren ist für Kinder im Alter von 3 bis 12 Jahren, wobei die Grenzen bei den unterschiedlichen Ansätzen leicht variieren, und Erwachsenen von 15 bis 50 Jahre normiert.
 

Durchführungszeit

Die Durchführungsdauer beträgt zwischen 5 und 10 Minuten.
 

Material

Zur Durchführung des Tests werden folgende Materialien benötigt: 1 Satz Vorlagekarten, weißes unliniiertes Papier im Format DIN A4, Bleistifte, Radiergummi.
 

Instruktion

Wörtliche Instruktionen und genaue Durchführungsanweisungen sind vorgesehen (Bender, 1946), jedoch sollen rigide Formalisierungen vermieden werden. Übungsbeispiele werden nicht gegeben.
 

Durchführungsvoraussetzungen

Der Test kann von Fachkräften durchgeführt werden. Für die Auswertung ist eine intensive Einarbeitung in die in den jeweiligen Systemen definierten und anhand von Beispielen illustrierten Fehlerkategorien nötig.
 

Testkonstruktion

In der ursprünglichen Fassung des Verfahrens von Bender (1938) liegen zu diesem Punkt keine Angaben vor.

Pascal und Suttel (1951) wählten bei der Entwicklung ihres quantitativen Auswertungssystems aus einer Liste von 200 Fehlern (Items), die zwischen gesunden und psychiatrischen Erwachsenen zu diskriminieren scheinen, aufgrund einer Itemanalyse 105 aus, berechneten die Phi-Koeffizienten und gewichteten die Items nach Guilford. Eine endgültige Itemanalyse wurde an 200 Gesunden im Alter von 15 bis 50 Jahren mit High School- bzw. College-Bildung und 260 nach Alter, Geschlecht und Bildung parallelisierten Patienten (110 psychotisch, 150 psychoneurotisch) durchgeführt. In einer Tabelle sind die Häufigkeiten, mit denen die 105 Fehler über alle Figuren bei den Gesunden und bei den Patienten auftraten, die Phi-Koeffizienten und die den Items zugeteilten Gewichte angegeben. Eine weitere Tabelle enthält die für jede Figur summierten Fehlerhäufigkeiten, die bei den Patienten aufgrund des Chi-Quadrat-Tests signifikant höher sind als bei den Gesunden.

Koppitz (1980) wählte die 30 Merkmale ihres entwicklungspsychologischen Auswertungssystems danach aus, ob sie nach dem Chi-Quadrat-Test signifikant zwischen über- und unterdurchschnittlichen Schülern des 1. und 2. Schuljahres (N = 165) unterschieden.

Reincke (1980) führte an einer Stichprobe von hirngeschädigten, nicht-hirngeschädigten, fraglich hirngeschädigten und fraglich hirngesunden Probanden (N = 204) zur Dimensionierung seines Auswertungssystems eine Faktorenanalyse nach der Hauptkomponentenmethode mit Varimax-Rotation durch. Eine Fünffaktorenlösung wurde beibehalten, die allerdings nur 31.27% der totalen Varianz vereinigt und nicht psychologisch-inhaltlich definiert ist. In die fünf Subskalen gehen 54 der ursprünglich 63 Items ein.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei den verschiedenen Ansätzen die Angaben zu den Testkennwerten und die Methoden zur Itemselektion als nicht befriedigend zu bewerten sind.
 

Gütekriterien

 

Objektivität

Die Durchführung kann aufgrund genauer Testanweisungen als objektiv beurteilt werden. Die ganzheitliche Auswertung nach Bender (1938) erfüllt das Objektivitätskriterium nicht. Für die quantitativen Auswertungssysteme von Koppitz (1980), Pascal und Suttel (1951) und Reincke (1980) werden Inter-Rater-Übereinstimmungen von r = .76 bis r = .99 berichtet.
 

Reliabilität

Für die quantitativen Auswertungssysteme werden in der Literatur Reliabilitäten von rtt = .50 bis rtt = .90 berichtet. Die niedrigeren Koeffizienten werden auf intervenierende Ereignisse zurückgeführt, ein Übungseffekt wird nicht angenommen. Für individualdiagnostische Aussagen müsste die Reliabilität des Verfahrens noch verbessert werden.
 

Validität

Anstelle statistischer Analysen zur Validität des BGT versuchte Bender (1938) anhand qualitativer Illustrationen der Reproduktionsarten von Patienten verschiedener diagnostischer Kategorien (unterschiedliche Typen organischer Hirnerkrankungen, Schizophrenie, manisch-depressive Psychosen, geistige Behinderung und Psychoneurosen) die Fähigkeit des Gestalttests zur Analyse, Differentialdiagnose und Prognose entsprechender Fälle nachzuweisen.

In Untersuchungen älteren Datums lassen sich zahlreiche Belege finden, die für eine klinisch-differentielle Validität des Tests sprechen. Nach Pascal und Suttel (1951) basiert die Testvalidität auf der Differenzierung zwischen Gesunden und sich in psychiatrischer Behandlung befindenden Patienten (Psychosen, Neurosen) im Alter von 15 bis 50 Jahren. Individuen mit organischen Hirnschädigungen sind nicht einbezogen. Die Autoren berichten nach dem t-Test signifikante Testmittelwertsunterschiede und biseriale Korrelationen von r = .70 bis r = .79 mit den Kriterien "gesund" (n = 40) versus "psychotisch" (n = 40) bzw. "neurotisch" (n = 40) und Korrelationen von r = .32 bis r = .39 mit den Kriterien "psychotisch" versus "neurotisch". Es werden Trefferraten von 84% der Gesunden, 86% der Psychotiker und 79% der Neurotiker angegeben. Zur Überprüfung der Vorhersagevalidität innerhalb der Patientengruppe wurden 65 Probanden bei der Aufnahme getestet. Es konnten signifikante BGT-Mittelwertsunterschiede zwischen der Patientengruppe, die nach durchschnittlich 3 Monaten "gebessert", und der, die "nicht gebessert" entlassen wurde, gefunden werden. Die Bedeutung des BGT als differentialdiagnostisches Instrument im Rahmen der Kinderpsychologie und -psychiatrie hebt Wewetzer (1955) und zur Diskriminierung cerebraler Schäden bei Kindern Schreyer (1971) hervor.

Koppitz (1980) schränkt die Eignung des BGT als differentialdiagnostisches Instrument dahingehend ein, dass er bei der Diagnose von Hirnschädigungen und emotionalen Störungen bei Kindern hypothesenbildende Funktion hat und weist auf die Notwendigkeit zusätzlicher neurologischer und psychologischer Untersuchungen hin.

Reincke (1980) konnte aufgrund seines neuentwickelten Auswertungssystems bei univariater Auswertung 70% von "sicheren" Fällen (60 hirngeschädigte Kinder, 60 Kontrollkinder) und 80% von "fraglichen" Fällen (31 fraglich hirngeschädigte Kinder, 31 fraglich normale Kinder) richtig klassifizieren. Das neue System zeigte sich damit den anderen BGT-Systemen überlegen. Bei Kombination des BGT mit anderen visuo-motorischen Tests und multivariater Auswertung lagen die Trefferquoten der "sicheren" medizinischen Diagnosen bei 80% und der "fraglichen" Diagnosen bei 90% und bestätigten damit die inkrementelle Validität des Verfahrens. Bei dem Versuch der Ergebnisgeneralisierung auf eine von der Ausgangsgruppe heterogene Untersuchungsgruppe sanken die Trefferquoten auf 65%. Damit ist die Kreuzvalidierung als gescheitert anzusehen. Dies steht im Gegensatz zu Wallasch und Möbus (1977), die Trefferquoten von 80% aufrechterhalten konnten an allerdings homogenen Untersuchungsgruppen.

Eine mangelnde differentielle Validität des Verfahrens, besonders im Hinblick auf die Trennung hirnorganischer und psychiatrischer bzw. neurotischer Patienten, ist aufgrund der Untersuchungen von Becker (1982), Dahl (1966), Kerekjarto (1962), Leone (1982) und Wallasch und Möbus (1977) anzunehmen.

Bei differentialdiagnostischen Entscheidungen hinsichtlich cerebraler Schädigungen ist zudem die enge Beziehung zwischen der BGT-Leistung und der allgemeinen Intelligenz zu berücksichtigen, aufgrund derer der BGT auch als nicht-sprachlicher Leistungstest Anwendung gefunden hat. Pascal und Suttel (1951) berichten Produkt-Moment-Korrelationen von r = .37 bzw. r = .55 zwischen der BGT-Leistung und IQ-Maßen der Wechsler-Bellevue-Skala (n = 26). Die Korrelationen zwischen BGT-Werten verschiedener Auswertungssysteme und dem HAWIE-Gesamt-IQ betragen bei Dahl (1966) r = -.70 bzw. r = -.75 (n = 40). Die mit Hilfe einer Regressionsgleichung geschätzten IQs nach dem HAWIE und dem WIP korrelieren mit den gemessenen IQs mit r = -.66 bei n = 150 (Dahl, 1968).

Aufgrund des in der Literatur berichteten engen Zusammenhangs zwischen der BGT-Leistung und der Intelligenz im Alter von 5 bis 10 Jahren sowie dem Intelligenzalter bei schwachsinnigen Kindern und Jugendlichen sieht Koppitz (1980) die Gültigkeit des BGT als Entwicklungstest als belegt an. Außerdem führt sie bei 73 bis 145 Schülern des 1. bis 3. Schuljahres Maßkorrelationen zwischen den BGT-Skores und allgemeinen Schulleistungstests von r = -.53 bis r = -.75 bei gleichzeitiger Testung und r = -.46 bis r = -.60 bei zeitlich auseinanderliegenden Testungen an. Nicht signifikant sind die Zusammenhänge bei speziellen Schulleistungen, z.B. Lesen.
 

Normierung

In der Literatur finden sich mehrere Ansätze zur Normierung des BGT.
- Die Originalpublikation von Bender (1938) enthält eine Tabelle zur Feststellung des Entwicklungsniveaus der visuo-motorischen Gestaltfunktion bei 3- bis 11jährigen Kindern. Es lässt sich jedoch nicht von Normen im psychometrischen Sinn sprechen, sondern es handelt sich um Illustrationen repräsentativer Repräsentationen normalentwickelter Kinder mit Angabe der Prozentsätze der Kinder, die diese oder eine bessere Antwortart ausführen können. Die Zeichnungen stammen von 800 Kindern aus Schulen und Heimen New Yorks.
- Die Eichstichprobe von Pascal und Suttel (1951) umfasst 474 gesunde Probanden. Es sind die mittleren Rohwerte, Standardabweichungen, Mediane und Quartile für zwei unterschiedliche Bildungsgruppen (High School, College) angegeben. Die Normen sollen für den Altersbereich von 15 bis 50 Jahren gültig sein.
- Koppitz (1980) erstellte Normwerte aufgrund der Untersuchung von 1 055 Grundschülern. Für den Altersbereich von 5 bis 10 Jahren sind die Rohpunktmittelwerte und Standardabweichungen in Halbjahresabständen aufgeführt. Zusätzlich liegen Perzentilscores, Altersäquivalente sowie Normwerte für die Unterrichtsstufen bis zum 6. Schuljahr und den Zeitverbrauch vor.
- Für den deutschsprachigen Bereich gibt Wewetzer (1956) aufgrund der Daten von 80 normalentwickelten Kindern von 5 Jahren und 6 Monaten bis zu 12 Jahren und 5 Monaten normative Mittelwerte an. Wegen des geringen Stichprobenumfangs sind sie nur von orientierendem Nutzen.

Die Normierungen entsprechen nach Umfang und methodischen Ausführungen dem breiten Gültigkeitsanspruch des BGT nicht. Behinderungsspezifische Normierungen fehlen. Wenn auch beim BGT als sprachfreiem Verfahren einer Übertragung der amerikanischen Normwerte auf deutschsprachige Verhältnisse grundsätzlich nichts im Wege steht, mangelt es doch den amerikanischen Stichproben an Repräsentativität.
Die derzeit umfangreichste und gültigste Eichung des BGT für deutschsprachige Kinder liegt in Form des Göttinger Formreproduktions-Tests (GFT) von Schlange et al. (1972) vor. Die Eichstichprobe umfasste 1355 Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren, die Zielsetzung ist klinisch-differentialdiagnostisch.
 

Anwendungsmöglichkeiten

Für den BGT wird in der Literatur ein breites Spektrum von Anwendungsmöglichkeiten diskutiert. Grundsätzlich dient er der Erfassung der visuo-motorischen Koordination, vor allem bei Kindern, jedoch auch bei Erwachsenen. Die Resultate werden zur Beantwortung von Fragestellungen zur Entwicklungs-, Intelligenzdiagnostik, zur Diagnostik schulischer Fähigkeiten und von klinischen Fragestellungen - vor allem im Bereich der Neuropsychologie - herangezogen. Die Fähigkeit des Verfahrens zur neurologisch-psychiatrischen Differentialdiagnostik ist heute in Frage gestellt. Als projektiver Test wurde das Verfahren zur Erfassung emotionaler Störungen (psychotische Zustände, Neurosen) angewandt (Lerner, 1972; Suinn & Oskamp, 1969).
Insgesamt ist festzuhalten, dass die Erfassung visuo-motorischer Koordinationsstörungen und die Beantwortung der abgeleiteten Fragestellungen psychometrisch fundierter und somit aussagekräftiger durch den Göttinger Formreproduktions-Test (GFT) von Schlange et al. (1972), das Hintergrund-Interferenz-Verfahren in der Bearbeitung von Wallasch (1979) und durch spezifische Entwicklungs-, Intelligenz- und Schulfähigkeitstests vorgenommen werden kann.
 

Bewertung

Den wenigen Vorteilen des BGT (einfache Testsituation, kurze Testdauer, Eignung für Kinder) lässt sich eine Reihe von Kritikpunkten gegenüberstellen. Die Originalpublikation von Bender (1938) ist hinsichtlich den Anforderungen der modernen Testtheorie völlig ungenügend und die Entwicklung verschiedener Modifikationen bringt kaum wesentliche Verbesserungen. Der ganzheitlich-gestaltpsychologische Hintergrund lässt keine Analyse der ursächlichen Störungen, besonders bei neuropsychologischen Fragestellungen, zu. Die Angaben zu den wesentlichen Testkennwerten, die Itemselektionstechniken und die erreichten Reliabilitäten müssen als nicht ausreichend bewertet werden. Die klinisch-differentielle Validität und individualdiagnostische Aussagen sind von zweifelhaftem Wert. Die verschiedenen Normierungsansätze entsprechen nach Umfang und methodischen Ausführungen kaum dem breiten Gültigkeitsanspruch des BGT. Die Eichstichproben sind nicht repräsentativ. Letztlich bleibt die Anwendung des Verfahrens als Breitbanddiagnostikum fraglich.
 

Literatur

  • Becker, H. (1982). Untersuchungen über die differentialdiagnostische Aussagekraft des Bender-Gestalt-Test (BGT) und der Canter-Background-Interference-Procedure (BIP) zur Differenzierung von Normalprobanden versus Schizophrenen und endogenen Depressiven. Unveröffentlichte Dissertation, Universität Saarbrücken.
  • Bender, L. (1938). A visual motor Gestalt test and its clinical use. Research Monograph No. 3. New York: American Orthopsychiatric Association.
  • Bender, L. (1946). Instructions for the use of Visual Motor Gestalt Test. New York: American Orthopsychiatric Association.
  • Dahl, G. (1966). Probleme des Bender-Gestalt-Tests in der klinischen Praxis. Diagnostica, 12, 170-180.
  • Dahl, G. (1968). Der Bender-Gestalt-Test und seine Beziehung zur Intelligenz. Diagnostica, 14, 174-178.
  • Kerekjarto, M. v. (1962). Untersuchung über die Diskriminierungskraft dreier Tests zur Erfassung zerebraler Schäden (S. 186-187). 23. Kongress der DGfP.
  • Koppitz, E.M. (1980). Der Bender-Gestalt-Test für Schulkinder. Stuttgart: Hippokrates.
  • Kottenhoff, H. (1955). Benders Gestalt-Test und die Untersuchung des cerebralen Funktionswandels. Psychologische Beiträge, 2, 40-55.
  • Leone, N. (1982). Untersuchung über die differentialdiagnostische Aussagekraft des Bender-Gestalt-Test (BGT) und der Background-Interference-Procedure (BIP) nach Canter zur Differenzierung von Normalprobanden versus Neurotiker. Unveröffentlichte Dissertation, Universität Saarbrücken.
  • Lerner, E.A. (1972). The projective use of the Bender Gestalt. Springfield, Illinois: Charles C. Thomas.
  • Pascal, G.R. & Suttel, B.J. (1951). The Bender-Gestalt-Test: Quantification and validity for adults. New York: Grune & Stratton.
  • Reincke, W. (1980). Leichte visuomotorische Behinderungen - cerebrale Dysfunktionen - im Spiegel der Gestaltdiagnostik. Hamburg: Reim.
  • Schlange, H., Stein, B. & Bötticher, I.v. (1972). Göttinger Formreproduktions-Test. G-F-T. Göttingen: Hogrefe.
  • Schreyer, W. (1971). Kindliche Hirnschädigung und Bender-Gestalt-Test. Unveröffentlichte Dissertation, Universität Saarbrücken.
  • Suinn, R.M., Oskamp, S. (1969). The predictive validity of projective measures: A fifteen-year evaluative review of research. Springfield, Illinois: Charles C. Thomas.
  • Wallasch, R. (1979). Hintergrund-Interferenz-Verfahren für den Bender Gestalt Test. Deutsche Bearbeitung der Background Interference Procedure for the Bender Gestalt Test von A. Canter. Weinheim: Beltz.
  • Wallasch, R. & Möbus, C. (1977). Validierung und Kreuzvalidierung des Göttinger Formreproduktions-Test von Schlange et al. (1972) und der Background Interference Procedure von Canter (1970) zur Erfassung von Hirnschädigungen bei Kindern zusammen mit zwei anderen Auswertungssystemen für den Bender Gestalt Test sowie weitere Verfahren. Diagnostica, 23, 156-172.
  • Wertheimer, M. (1923). Studies in theory of Gestalt Psychology. Psychologische Forschung, 4, 300.
  • Wewetzer, K. H. (1955). Der Visual Motor Gestalt Test als Hilfsmittel in der klinischen Psychologie (S. 193-195). 20. Kongress der DGfP.
  • Wewetzer, K.H. (1956). Bender-Gestalt-Test bei Kindern: Auswertungsmethode und differentialdiagnostische Möglichkeiten. Zeitschrift für Diagnostische Psychologie und Persönlichkeitsforschung, 4, 174-186.
 

Wichtige neuere Publikationen

  • Perticone, E.X. (1998). The clinical and projective use of the Bender-Gestalt Test. Springfield, IL: Charles C Thomas.
 

Originalfassung/Anderssprachige Fassungen

  • *Bender, L. (1938). A visual motor Gestalt test and its clinical use (Research Monograph No. 3). New York: American Orthopsychiatric Association.
 

Rezensionen

  • Hiltmann, H. (1977). Kompendium der psychodiagnostischen Tests (3., neubearbeitete Auflage. S. 196-198: Bender-Gestalt-Test Bender Visual Motor Gestalt Test Lauretta Bender). Bern: Huber.
  • Rennen-Allhoff, B. & Allhoff, P. (1987). Entwicklungstests für das Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter (Bender Gestalt Test for Young Children: S. 200-203). Berlin: Springer.
 
 Stefanie Böttger (19.04.1988)
 APA-Schlagworte/PSYNDEX Terms:

Classical Test Theory; Bender Gestalt Test; Projective Techniques; Pictorial Stimuli; Test Norms; Neuropsychological Assessment; Patients; Clinical Psychology; Neuropsychology; Developmental Psychology; Gestalt Psychology; Visual Perception; Spatial Perception

Klassische Testtheorie; Bender Gestalt Test; Projektive Tests; Bild-Stimuli; Testnormen; Neuropsychologische Messung; Patienten; Klinische Psychologie; Neuropsychologie; Entwicklungspsychologie; Gestaltpsychologie; Visuelle Wahrnehmung; Räumliche Wahrnehmung

 weitere Schlagworte:

1938; Paper and Pencil Test; Ganzheitlichkeit; Emotionale Indikatoren; ab 3 Jahre; bis 50 Jahre
 Klassifikation:

Klinische Psychodiagnostik; Entwicklungstests; Sensorisches und motorisches Testen; Psychische und physische Störungen; Schizophrenie und psychotische Zustände
Sonstige Verfahren zur Erfassung sensumotorischer Fähigkeiten; Projektive Zeichentests
5.99; 10.1
 Anwendungstyp: Individual Diagnosis
 Art der Publikation: Test; Test in Print (90; 911)
 Sprache: English
 Übersetzungen: French, German, Spanish
 Land: United States
 Publikationsjahr: 1938
 Änderungsdatum: 201812
 info@leibniz-psychology.org | © 1996-2019 ZPID